Ich versuche es noch einmal klar zu trennen: Sie argumentieren aus der Sicht des Einzelfalls. Ich spreche über Systemverhalten. Solange diese Ebenen vermischt werden, reden wir zwangsläufig aneinander vorbei. Ich habe den Eindruck, dass wir hier nicht deshalb nicht zusammenkommen, weil wir unterschiedlicher Meinung sind, sondern weil Sie konsequent eine andere Fragestellung beantworten als die, die ich gestellt habe. Ihre Argumente bewegen sich durchgehend auf der Ebene der einzelnen Kanzlei und individueller Gelassenheit im Umgang mit Ausfällen. Meine Fragestellung zielt jedoch auf die Systemebene: Gleichzeitigkeit, Korrelation und fehlende Ausweichräume bei einem zentralen Betrieb. Ob einzelne Mandanten einen Tag warten können, ob Fristen „klug gemanagt“ sind oder ob man persönlich Ausfälle als ärgerlich, aber erträglich empfindet, adressiert diese systemische Fragestellung nicht. Ihre Antworten erfordern eine andere Frage. Wenn man die Auswirkungen eines gleichzeitigen Ausfalls für zehntausende Kanzleien und deren Mandanten auf individuelle Einzelfälle reduziert, blendet man genau den Mechanismus aus, der ein systemisches Risiko ausmacht. Wir können das gerne dabei belassen. Dann ist aber zumindest klar, dass nicht über dasselbe gesprochen wird. „…das hat Null wirkliche Auswirkungen.“ Das ist eine Behauptung, keine Begründung. „Ärgerlich, aber egal“ ist kein Risikomodell. „Nur weil es ‚Frist‘ heißt, muss man die ja nicht am aller letzten Tag…“ Das ist eine Moralpredigt, aber kein Argument gegen systemische Abhängigkeit. Fristen sind nicht das einzige Thema. Lohnläufe, Zahlungsfreigaben, Bescheinigungen, Auskünfte an Banken, Compliance-Prozesse, laufende Buchungen, all das hängt nicht daran, ob jemand „auf den letzten Drücker“ arbeitet. „Dann warten eben alle Mandanten auf Tag X+1.“ Genau hier zeigt sich das Missverständnis: Wenn alle auf X+1 warten, entsteht kein „individuelles Problem“, sondern eine Verdichtung. Backlog, Fristpeaks, Supportlast, Kommunikationsdruck und Prozessketten, die gleichzeitig wieder anlaufen müssen. Das ist der Unterschied zwischen „ein Mandant wartet“ und „ein ganzer Sektor wartet“. „Haftungsfragen? Haben Kanzleien SLAs…?“ Das ist IT-Logik. Im Berufsrecht greifen andere Maßstäbe. Haftung entsteht im Berufsstand nicht erst durch ein SLA, sondern ist gesetzlich normiert. Sie entsteht durch Pflichtverletzungen im Einzelfall, Fristversäumnisse, Organisationsverschulden, Zusagen, Erwartungslagen und durch konkrete Schäden. Selbst wenn eine Kanzlei ein formales SLA schriebe, würde das Risiko nicht um ein Jota entschärft. „…ist doch egal, ob 39.999 weitere Kanzleien still stehen…“ Doch, genau das ist der Punkt. Gleichzeitigkeit ist nicht egal. Sie ist der Multiplikator. Wenn alle gleichzeitig betroffen sind, gibt es keinen Ausweichraum mehr. Weder organisatorisch (weil alle dieselbe Störung haben) noch marktseitig (weil niemand „mal eben“ Kapazität übernehmen kann). Am Ende bleibt es simpel: Sie beantworten eine Systemfrage mit Einzelfallratschlägen. Das kann man machen, aber dann diskutiert man nicht über Resilienz, sondern über persönliche Gelassenheit. Die ist nett, ersetzt aber keine Risikobetrachtung.
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