Ich habe mich wieder einmal mit MyDATEV Kanzlei befasst, um mich auf den neusten Stand zu bringen (nicht als Anwender, sondern über Veröffentlichungen - der aktuelle Preis ist für mich keine Investition) - der aktuelle Stand entspricht wohl dem letzten; keine Änderung. Der Gang in die Cloud wird im Kontext mit sicherer Kommunikation (MyDATEV Kanzlei) gerne als technischer Fortschritt verkauft. Mehr Sicherheit, bessere Prozesse, zeitgemäße Zusammenarbeit. Klingt sauber. In der Praxis gibt es aber oft ein Problem, das nicht in der Technik liegt, sondern mit Verhalten zu tun hat. Sichere Kommunikation ist kein neues Thema. Wer mit DUO und SmartCard arbeitet, hat seit Jahren ein belastbares Verschlüsselungskonzept. S/MIME ist kein Hexenwerk. Für Mandanten mit EDV-Bezug ist das schnell verstanden und problemlos nutzbar. Der Nutzen ist klar, die Sicherheit real. Das Problem liegt woanders. Ein sehr großer Teil der Mandanten - und das sind genau die, die nicht mit DUO, Meine Steuern oder einem Äquivalent arbeiten (wollen) - will keine Hürden. Gar keine. Weder S/MIME noch Portal, weder SmartCard noch SmartLogin. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil es ihnen egal ist. Einloggen nervt. Passwörter werden vergessen. Karten werden verlegt. Apps werden gelöscht. Das ist leider Alltag. Vor diesem Hintergrund ist es egal, wie das Etikett heißt. S/MIME oder MyDATEV Kanzlei ist für diese Mandanten dasselbe: zusätzlicher Aufwand. Der Wunsch ist banal und konstant: öffnen, senden, fertig. Die Hoffnung, das Problem erledige sich mit dem Generationenwechsel, halte ich für naiv. Junge Menschen sind nicht datenschutzbewusster, sondern komfortbewusster. WhatsApp, TikTok, Streaming, Kundenkarten-Apps, überall maximale Bequemlichkeit bei minimalem Nachdenken. Datenschutz wird gefordert, aber nur solange er nichts kostet. Das ist Beobachtung. MyDATEV Kanzlei löst dieses Problem nicht. Es verschiebt es. Statt „bitte verschlüsselt mailen“ heißt es jetzt „bitte einloggen“. Die Reibung bleibt, nur an anderer Stelle. Interessant wird es erst beim DATEV-Konto. Das ist - für DATEV - neue Infrastruktur. Ein notwendiger Schritt, um Identität von einzelnen Anwendungen zu entkoppeln. Ohne das sind App, Push-Benachrichtigungen oder biometrische Entsperrung nicht so ohne weiteres denkbar. Mit dem DATEV-Konto ist der Boden bereitet, aber mehr auch nicht. Ob daraus wirklich Akzeptanz entsteht, hängt nicht von Sicherheit, sondern vom Nutzer "Erlebnis" ab. Solange Cloud heißt: Login, Passwort, Wiederherstellung, Erklärung, Erinnerung, wird sich nichts „verwachsen“. Die Realität gewinnt wahrscheinlich gegen das Regelwerk. DATEV leidet bewusst unter Datensicherheitsparanoia. Das schützt Kanzleien, erschwert aber Nutzung. Das ist eben DATEV-Haltung und das ist gut so. Man sollte nur ehrlich benennen, was man damit einkauft: Sicherheit durch Reibung. Der Gang in die Cloud für eine "sichere Kommunikation" ist deshalb nicht nur ein technisches Projekt. Er ist auch ein sozialpsychologisches Experiment. Und daher kommt der Einfluss, ob er gelingt. Der Wert von MyDatev Kanzlei entsteht weniger durch Technik, sondern viel mehr mit dem Durchsetzungswillen der Kanzlei, der aber oft genug im Kontakt mit den entsprechenden Mandanten ausgebremst wird. Realistisch betrachtet wird MyDatev Kanzlei nur ein weiterer Kommunikationskanal - und nicht DER Kanal - mit Features, deren Nutzen durch den Willen der Mandanten begrenzt wird.
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