Ich habe mir heute, am 27.10.2026, die DATEV Sneak-Preview angesehen und muss sagen: Ich bin nach dieser Veranstaltung mehr als ernüchtert. Teilweise sogar regelrecht erschrocken darüber, in welche Richtung sich DATEV entwickelt. Vorweg: Ich bin ausdrücklich ein Befürworter der Digitalisierung. Ich beschäftige mich intensiv mit Software, Automatisierung, Schnittstellen, KI und der Optimierung von Kanzleiprozessen. Ich bin also ganz sicher niemand, der an alten Arbeitsweisen festhalten möchte, nur weil sie vertraut sind. Aber Digitalisierung muss die tägliche Arbeit einfacher, schneller und übersichtlicher machen. Und genau das konnte ich bei einem erheblichen Teil der vorgestellten Entwicklungen nicht erkennen. 1. Immer mehr Oberflächen, Assistenten und Funktionen – aber immer weniger Übersicht Mein Gesamteindruck ist, dass DATEV zunehmend versucht, möglichst viele Funktionen, Prozesse, Aufgaben und KI-Assistenten in eine gemeinsame Cloudwelt zu integrieren. Das klingt zunächst modern. In der praktischen Umsetzung wirkt es auf mich jedoch zunehmend unübersichtlich und überladen. Überall entstehen neue Funktionen, Benachrichtigungen, Aufgaben, Prozessschritte und Assistenten. Dabei bleibt für mich häufig unklar, welche konkreten Arbeitsschritte diese Lösungen tatsächlich ersetzen und wo sie stattdessen neue erzeugen. Ich möchte als Anwender nicht ständig durch verschiedene Oberflächen navigieren, Prozesse anstoßen, Statusmeldungen kontrollieren oder irgendwelche digitalen Aufgaben verwalten. Ich möchte meine eigentliche Arbeit erledigen. Und zwar möglichst ohne dabei mehr Zeit mit der Software als mit dem fachlichen Sachverhalt verbringen zu müssen. 2. DATEV Copilot – wozu brauche ich noch einen weiteren KI-Chat? Besonders enttäuschend fand ich die Darstellung des DATEV Copilots. Im Kern sehe ich bislang einen weiteren KI-Assistenten, der Texte verarbeitet, Informationen recherchiert und Fragen beantwortet. Das können etablierte KI-Systeme wie ChatGPT bereits heute auf einem beachtlichen Niveau. Natürlich kann eine tiefe Integration in die DATEV-Welt einen erheblichen Mehrwert bieten. Genau diesen Mehrwert hätte ich aber gerne anhand konkreter, nachvollziehbarer Kanzleiprozesse gesehen. Welche bislang zeitaufwendigen Tätigkeiten entfallen tatsächlich? Welche Daten kann der Assistent zuverlässig verarbeiten? Welche Aufgaben kann er vollständig und kontrollierbar erledigen? Wie werden Ergebnisse überprüft? Und wie viel Zeit spart der Anwender am Ende wirklich? Die bloße Existenz eines weiteren KI-Assistenten ist für mich noch keine Innovation. KI sollte konkrete Arbeit übernehmen, statt lediglich eine weitere Bedienoberfläche zu schaffen. Das soll kommen, die Frage ist nur wann und wie und wer übernimmt die Haftung dafür? 3. DATEV Personal und Arbeitnehmerfunktionen – an der betrieblichen Realität vorbei? Gerade im Lohnbereich habe ich zunehmend den Eindruck, dass DATEV eine Arbeitswelt voraussetzt, die bei vielen unserer Mandanten schlicht nicht existiert. Arbeitnehmer sollen sich anmelden, Daten pflegen, Prozesse bedienen, Dokumente austauschen und weitere digitale Funktionen nutzen. Das mag bei großen Unternehmen mit eigener Personalabteilung und einer entsprechend digitalisierten Belegschaft sinnvoll funktionieren. Unsere Mandantenstruktur sieht jedoch vielfach anders aus. Wir betreuen kleinere und mittlere Unternehmen, Handwerksbetriebe, Gastronomie und andere Arbeitgeber mit unterschiedlichsten Arbeitnehmergruppen. Schon die flächendeckende Nutzung bestehender digitaler Anwendungen ist in der Praxis keineswegs selbstverständlich. Ich halte es deshalb für reichlich optimistisch, davon auszugehen, dass Arbeitnehmer künftig regelmäßig zusätzliche DATEV-Funktionen nutzen, Stammdaten eigenständig pflegen oder sich aktiv an komplexeren digitalen Personalprozessen beteiligen. Technisch möglich bedeutet eben nicht automatisch praktisch sinnvoll. Was geschieht eigentlich, wenn Arbeitnehmer diese Funktionen nicht nutzen? Welche zusätzlichen Kontroll- und Nacharbeiten entstehen dann beim Arbeitgeber oder bei der Kanzlei? Ich befürchte, dass hier ein erheblicher Funktionsumfang für ein idealisiertes Anwenderszenario geschaffen wird, während die tatsächlichen Anforderungen vieler kleinerer Betriebe zu wenig berücksichtigt werden. 4. Wo war eigentlich das neue DATEV-Lohnprogramm – wo waren die wirklich wichtigen Informationen? Aus meiner Sicht ist das eines der größten Versäumnisse dieser Sneak-Preview. Wir stehen vor einer grundlegenden Veränderung der DATEV-Lohnabrechnung. Mit DATEV Lohn soll perspektivisch eine neue Cloudlösung entstehen, die für die tägliche Arbeit Tausender Lohnsachbearbeiter von zentraler Bedeutung sein wird. Und was erfährt man hierzu auf einer Veranstaltung, die einen Einblick in die Produktentwicklung geben soll? Nach meinem Eindruck: praktisch nichts Konkretes. Stattdessen werden Arbeitnehmerfunktionen, Assistenten und zusätzliche Prozesse präsentiert. Dabei interessieren mich als Verantwortlichen im Lohnbereich ganz andere Fragen: Wie wird eine vollständige Lohnabrechnung künftig tatsächlich durchgeführt? Wie sieht die Oberfläche des neuen Lohnprogramms aus? Wie werden komplexe Abrechnungsfälle, Rückrechnungen, Einmalzahlungen, Baulohn und Besonderheiten der Sozialversicherung behandelt? Wie schnell kann ich zwischen Arbeitnehmern, Abrechnungsmonaten und Auswertungen wechseln? Was geschieht mit bewährten Funktionen, Tastaturbedienung, Stapelverarbeitung und bestehenden Schnittstellen? Wie werden große Mandantenbestände effizient bearbeitet? Welche zusätzlichen Arbeitsschritte entstehen durch die Cloudarchitektur? Und vor allem: Wird die neue Anwendung im Alltag tatsächlich schneller und leistungsfähiger als Lohn und Gehalt beziehungsweise LODAS? Das sind für mich die entscheidenden Fragen. Dass die eigentliche Lohnabrechnung in dieser Vorstellung kaum greifbar wurde, während die ergänzenden Arbeitnehmerfunktionen ausführlicher behandelt werden, finde ich ausgesprochen enttäuschend. 5. Auftragsorientiertes Arbeiten – wer hat entschieden, dass jede Kanzlei so arbeiten möchte? Ein weiterer Punkt, der mich zunehmend stört, ist die starke Ausrichtung auf ein auftragsbezogenes Kanzleimanagement. Offenbar wird zunehmend vorausgesetzt, dass sämtliche Tätigkeiten über Aufträge, Aufgaben, Prozessschritte und entsprechende Statusverwaltungen organisiert werden sollen. Wir arbeiten in unserer Kanzlei nicht durchgehend auftragsorientiert. Und dafür gibt es gute Gründe. Viele Tätigkeiten sind wiederkehrend, eingespielt und lassen sich mit vorhandenen Übersichten und klaren Zuständigkeiten effizient erledigen. Warum sollte ich dafür ständig Aufträge anlegen, bearbeiten, zuordnen, kontrollieren und abschließen müssen? Die eigentliche Arbeit wird dadurch nicht automatisch weniger. Im ungünstigsten Fall verbringt man künftig einen beträchtlichen Teil des Arbeitstages damit, die eigene Arbeit innerhalb der Software zu organisieren und anschließend zu dokumentieren, dass sie erledigt wurde. Das ist keine Automatisierung. Das ist die Digitalisierung zusätzlicher Bürokratie. Ich erwarte von DATEV, dass unterschiedliche Kanzleiorganisationen berücksichtigt werden und dass auftragsorientiertes Arbeiten eine Möglichkeit bleibt, aber nicht zum faktisch vorgegebenen Arbeitsmodell wird. Es darf nicht sein, dass gut funktionierende, schlanke Abläufe zugunsten eines neuen Prozessmodells aufgegeben werden müssen. 6. Automatisierung ist nicht automatisch eine Arbeitserleichterung Bei der Präsentation hatte ich mehrfach den Eindruck, dass möglichst viele Prozesse automatisiert werden sollen, ohne ausreichend zu hinterfragen, ob diese Automatisierung im konkreten Anwendungsfall überhaupt sinnvoll ist. Automatisierung ist dann gut, wenn sie zuverlässig wiederkehrende Tätigkeiten übernimmt und dabei den Kontrollaufwand reduziert. Wenn ich anschließend aber Ergebnisse kontrollieren, Aufgaben nachverfolgen, Fehlzuordnungen korrigieren und mehrere Systeme überwachen muss, kann aus der erhofften Arbeitserleichterung sehr schnell das Gegenteil werden. Gerade in der Steuerberatung und Lohnabrechnung brauchen wir transparente, nachvollziehbare und kontrollierbare Prozesse. Ich möchte jederzeit erkennen können, was die Software getan hat, weshalb sie es getan hat und an welcher Stelle ich gegebenenfalls eingreifen muss. Eine schwer nachvollziehbare Automatisierung, die mir letztlich zusätzliche Kontrollarbeit beschert, ist kein Fortschritt. 7. Es geht auch anders – Auftragswesen next als positives Beispiel Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es gab durchaus Entwicklungen, die ich positiv sehe. Insbesondere DATEV Auftragswesen next hat mir gefallen. Hier erkenne ich eine nachvollziehbare Weiterentwicklung eines konkreten Produkts mit einem klaren praktischen Nutzen. Es werden Funktionen geschaffen und erweitert, die unmittelbar bei der täglichen Arbeit helfen können. Genau diese Art der Produktentwicklung wünsche ich mir auch in den anderen Bereichen: Eine erkennbare Aufgabe, ein verständlicher Ablauf, eine gute Bedienoberfläche und eine wirkliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Zustand. Positionsrabatte usw. alles der richtige Weg! Auch der Ausblick auf die Stammdaten und das was noch kommen wir in Sachen Teilrechnung macht Freude darauf. Hier denkt man richtig - Nicht möglichst viele neue Funktionen, sondern die richtigen Funktionen. Mein grundsätzliches Problem mit der aktuellen DATEV-Entwicklung Ich habe zunehmend das Gefühl, dass die DATEV-Produktentwicklung stärker von technischen Möglichkeiten und einer übergeordneten Cloudstrategie geprägt wird als von den tatsächlichen Arbeitsabläufen in den Kanzleien. Cloud, KI, Automatisierung, Prozessmanagement und digitale Zusammenarbeit sind zweifellos wichtige Themen. Aber sie sind Mittel zum Zweck und dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Ich brauche keine zehn Assistenten, wenn ich einen Vorgang bislang mit wenigen Klicks erledigen konnte. Ich brauche keine zusätzliche Aufgabenverwaltung, wenn meine bestehenden Übersichten funktionieren. Ich brauche keine Arbeitnehmerportale, deren Nutzung in der Praxis erst mühsam durchgesetzt werden muss. Und ich brauche keine neue Oberfläche, die zwar modern aussieht, aber für dieselbe Tätigkeit mehr Bedienhandlungen erfordert als die bisherige Software. Was ich brauche, sind leistungsfähige, stabile, schnelle und übersichtliche Programme, mit denen unsere Mitarbeiter möglichst effizient arbeiten können. Mein Fazit Die heutige Sneak-Preview hat meine Vorfreude auf die neue DATEV-Welt jedenfalls nicht gesteigert. Im Gegenteil. Ich sehe viel technischen Aufwand, viele neue Funktionen und ambitionierte Konzepte, aber bislang zu wenig überzeugende Antworten auf die Frage, wie die tägliche Arbeit dadurch tatsächlich einfacher werden soll. Dabei wäre gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, bewährte Kanzleiprozesse kritisch zu betrachten und neue Anwendungen konsequent an den Anforderungen der Anwender auszurichten. Für mich wäre eine echte Innovation beispielsweise, wenn sich die monatliche Lohnabrechnung bei gleicher fachlicher Qualität und Kontrolle mit deutlich weniger Arbeitsschritten erledigen ließe. Ob das künftig in der DATEV-Cloud möglich sein wird, konnte ich aus dieser Veranstaltung nicht ableiten. Ich wünsche mir deshalb von DATEV weniger Präsentationen darüber, was technisch alles möglich ist, und mehr konkrete Vorführungen darüber, wie ein normaler Kanzleimitarbeiter seine tägliche Arbeit künftig effizient erledigen soll. Die entscheidende Messgröße sollte nicht die Anzahl neuer Funktionen, KI-Assistenten oder digitalisierter Prozesse sein, sondern die tatsächlich eingesparte Arbeitszeit in den Kanzleien. Mich würde interessieren, wie andere Teilnehmer die heutige Sneak-Preview erlebt haben. Seht ihr in den vorgestellten Entwicklungen tatsächlich eine Arbeitserleichterung? Oder entsteht bei euch ebenfalls der Eindruck, dass wir künftig immer mehr Zeit damit verbringen werden, die Software zu bedienen, anstatt unsere eigentliche Arbeit zu erledigen?
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