Tja. So ist es, wenn man die Auffassung vertritt, Mandantendaten gehörten ins Internet "Die Zukunft gehört der Cloud" Klingt wunderbar, solange die Cloud verfügbar ist. Sobald aber Login, Rechteprüfung, Hilfe-Center, Rechenzentrum, Übermittlungsprotokolle, Belegzugriff und Fachinformationen gleichzeitig oder kaskadenartig wackeln, wird aus "ortsunabhängig, modern und vernetzt" sehr schnell: "zentral abhängig, fremdgesteuert und im Ernstfall arbeitsunfähig". Und bei DATEV kommt noch diese besondere Gemengelage dazu: Sie ist nicht irgendein SaaS-Anbieter für Projektmanagement oder Newsletterversand. Über DATEV laufen Fristsachen, Steuerdaten, Lohnabrechnungen, Sozialversicherungsdaten, Jahresabschlüsse, Buchführungen, Zahlungsverkehr, Behördenkommunikation und Mandantendokumente. Wenn dort die Infrastruktur hakt, ist das kein Komfortproblem, sondern ein berufs- und haftungsrelevantes Arbeitshemmnis. Und dann der vorweggenommene Gehorsam bei der E-Rechnung. Digitalisierung ja, strukturierte Daten ja, Automatisierung ja. Aber die politische und verbandliche Erzählung tut oft so, als sei "digital" automatisch "besser", "sicherer" und "effizienter". Die nüchterne Gegenfrage müsste lauten: Was passiert, wenn die zentrale Infrastruktur nicht verfügbar ist? Was passiert, wenn Berechtigungen, Zertifikate, Schnittstellen oder Plattformen versagen? Was passiert, wenn der Mandant formal verpflichtet wird, aber praktisch weder technisch noch organisatorisch auf dem Niveau ist? Was passiert, wenn die Kanzlei dann als menschlicher Puffer zwischen Mandant, Finanzverwaltung, Softwareanbieter und Fristendruck alles ausbaden darf? Gerade die Kombination aus Cloud-Zwang, Plattformabhängigkeit und "Mandant muss digital werden" hat eine gefährliche Schieflage: Die Verantwortung wird dezentral bei Kanzlei und Mandant abgeladen, die technische Macht aber zentralisiert. Wenn es läuft, verkauft man es als Fortschritt. Wenn es nicht läuft, sitzt der Berufsstand vor kryptischen Fehlerseiten und darf den Schaden organisatorisch wegmoderieren. Und ja: Eine starke berufsständische Stimme müsste eigentlich sagen: Digitalisierung ist sinnvoll, aber nur mit belastbaren Fallbacks, klaren Haftungsgrenzen, realistischen Übergangsfristen und ohne faktischen Monopol-/Plattformzwang. Stattdessen klingt es oft eher nach: "Bitte alle in die Cloud, wir haben da schon ein paar PowerPoint-Folien mit grünen Häkchen vorbereitet." Fast schon realsatirisch wirkt die Status-Page: Oben steht sinngemäß "massive Einschränkungen in den DATEV-Anwendungen", aber die gefilterte Ergebnisliste darunter sagt: "Keine Ergebnisse". Also entweder: Die betroffenen Anwendungen sind noch nicht sauber klassifiziert, die Statusseite ist selbst teilweise dysfunktional, die Filterlogik greift ins Leere, oder intern weiß man schlicht noch nicht, welche Dienste eigentlich betroffen sind. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Besonders schön ist auch die Formulierung "Die betroffenen Anwendungen werden wir unverzüglich kommunizieren" - während die Anwender längst praktisch herausfinden, was alles nicht geht: Login, Hilfe-Center, RZ-Protokolle, Übermittlungsnachweise, und jeglicher Zugriff Unternehmen online, MyDATEV und was sonst noch an derselben Identitäts-/Portal-/RZ-Kette hängt. Das ist genau dieses Cloud-Problem in Reinform: Nicht eine Anwendung fällt aus, sondern eine zentrale Abhängigkeit trifft viele Anwendungen gleichzeitig. Und dann hilft auch keine hübsche Statusseite mit Ampelsymbolen, wenn die Ampel selbst noch nicht weiß, welche Kreuzung brennt.
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