Möchte zum Thema auch ein kleine Anekdote anhängen: Nachdem ich partout, nach Personalabgängen innnerhalb der letzten beiden Jahre, niemanden gefunden hatte, war mir klar, dass die Ansprüche deutlich reduziert sein müssen und auch für "Quereinstieg" ausgeschrieben. Selbstredend, dass die üblichen Benefits sowie freie Gestaltung von Arbeitszeit- und ort sowie Urlaub etc. selbstverständlich am Start waren. Vier von fünf Bewerbern ließen mich einfach sprachlos zurück und ich konnte nicht mal mehr irrwitzig lachen, so tief saß der Stachel und die Enttäuschung. Den Begriff "Dummheit" nutze ich ungern, jedenfalls waren 4 von 5 derart weit von irgendeinem Kenntnisstand entfernt, um sie überhaupt, auch perspektiv, irgendwie in der Kanzlei einzusetzen. Das mag sich despektierlich anhören, ist aber recht zutreffend. Die fünfte Anfrage erhielt ich dann von einer sehr sympathischen jungen Dame, die echte Motivation und Willen ausstrahlte und mir das Gefühl gab, einen Volltreffer gelandet zu haben, denn ich benötigte im Wesentlichen jemand für die Mandantenbuchführung (UO & Rewe). Sie teilte mir auch Ihre begleitenden Fortbildungen mit und legte mir entsprechende Fortbildungsnachweise vor; ein ausführlicher IHK-Kurs zum Buchhalter (Note 2) sowie, tatatata, eine umfangreicher Schulung, mit Praxisbezügen, zu Unternehmen online. Mir war klar, dass dieser Quereinstieg aus dem Einzelhandel in die Steuerkanzlei für keinen von uns einfach werden würde, haben uns aber alle der Einarbeitung und Schulung unserer neuen Mitarbeiterin angenommen. Das Tagesgeschäft ging weiter und ich bemerkte, dass wir alle nach ein paar Wochen mit der Arbeit in deutlichen Verzug kamenm, weil wir eben sehr viel Zeit in "die Neue" investieren musste, aber auch wollten. Trotz aller Mitarbeiterloyalität gegenüber einander, stand meine "rechte Hand" eines Tages aufgelöst vor mir stand und meinte, dass es so nicht mehr weiter ginge, da kaum Fortschritte zu verzeichnenwaren und akute Fristnöte eingetroffen sind; sie käme nicht mehr dazu, ihre eigenen Aufträge fristgerecht zu bearbeiten; was im Prinzip nie vorkam. Selbstredend fiel mir auch auf, dass der Kenntnisstand fern einer aktiven Mitarbeit war; auch nach Monaten noch und selbst die einfachsten Dinge nach zwei Monaten quasi jeder Buchung abgefragt wurde. Sie fand einfach nciht ins Thema und "Soll und Haben" kannte sie nur vom eigenen Kontoauszug; Erklärungen liefen m.E. ins Leere und sie entwicklte sich quasi nicht. Der "Klick" blieb einfach aus . . . Zum Ende der Probezeit nach drei Monaten müssten, erfahrungsgemäß, bereits soweit Kenntnisse vorhanden sein, dass man selbständig in der Programmumgebung arbeiten und einfachere Fälle bearbeiten kann. Weit gefehlt und dennoch startete ich noch einen Versuch und intensivierte die Ausbildung durch mich persönlich, um meine anderen Mitarbeiterinnen zu entlasten und ich erkannte das Drama erst in seinem ganzen Ausmaß. Die Kanzleisituation spitzte sich zu und die ersten Beschwerden trafen ein . . . Sodann musste ich nach 4 Monaten leider die Notbremse ziehen, eine sofortige Freistellung unter Weiterbezahlung des Gehaltes für drei Monate, aussprechen und kündigen. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir wieder einigermaßen in der Spur waren und habe die Digitalisierung nebenbei weiter forciert und die Arbeitsabläufe weiter optimiert und automatisiert. Ferner habe ich mich von 5 beratungsintensiven/-resistenten Patienten (ugs.schwierige Mandanten) kurzum getrennt und eine sofortige Kündigung ausgesprochen. So die ersten Rettungsmaßnahmen. Rund 30 Mandatsanfragen in den letzten 2,5 Jahren habe ich abgelehnt, obglich hier sehr solide Unternehmen dabei waren. Ende 2023 verabschiedete sich eine eine tragende Mitarbeiterin, was die Situation weiter verschärfte. Vor drei Monaten meldete sich tatsächlich ein junger Mann bei mir. Steuerfachangestellter mit zwei Jahren Berufserfahrung . . . ich dachte zunächst, ich wäre bei "Verstehen Sie Spaß"... Wir redeten ein wenig und es schien alles zu passen; auch die Gehaltsvorstellungen von 3.200 € mit 13tem wäre ok gewesen ... aber "Teilzeit 50%" Der Rest ist Geschichte. Als Kleinstkanzlei gehört man sicherlich nicht zu den attraktivsten Arbeitgebern, wessen ich mir bewusst bin und auch realisiert habe, dass ich nicht auf ein Wunder "hoffe". "Hoffnung ist die Planung der Verzweifelten." Meinen Laden habe ich dann vollends, restriktiv umorgansiert und optimiert; ausschließlich digitale Prozesse, Buchführungen und 100% papierlos. Effizienz als goldenes Kalb ! Aufnahmestopp jeglicher Mandate und Intensivierung der Beratung meines Bestandes und eine Warteliste mit "Rosinen", falls sich freie Kapazitäten ergeben sollten. Heute habe ich noch eine Handvoll 2022er offen und eine größere Schlussabrechnung, was aber auch daran lag, dass meine "Schlagzahl" wieder auf regelmäßig 50-60 Std./Woche erhöht wurde. Von weiteren Quereinsteigern sehe ich persönlich grundsätzlich ab, weil ich es mir aus zeitlichen Gründen nicht mehr leisten kann o.a. Szenario zu wiederholen. Zuletzt wird immer mehr "cherry-picking" bei Mandaten betrieben. Fachkräfte sind weit nicht in dem Maße vorhanden, wie benötigt und "draußen" steht eine enorme Menge an Beratungsbedarf, der nicht mehr befriedigt werden kann. Die Maßnahmen von Kammern und Verbänden sind positiv zu erwähnen, um den Beruf wieder in den Fokus zu setzen und Nachwuchs zu werben; greifen natürlich erst mit einem starken zeitlichen Versatz. Einzige Hoffnung liegt wohl in der Abwanderung, Deindustrialisierung und Insolvenzunahmen von Unternehmen am Standort Deutschland und den damit verbundenen frei werden Kapazitäten in den Steuerkanzleien . . . aber wie gesagt: "Hoffnung ist die Planung der Verzweifelten" 😉 .
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