Cloud-EÜR ab VZ 2026: Ein funktionaler Rückschritt in die Steinzeit (Erfahrungsbericht & Systemkritik) ich muss meinen letzten Beitrag leider um einige schmerzhafte Praxiserfahrungen ergänzen. Erschwerend kommt bei der neuen Cloud-Anwendung „EÜR Steuern“ aktuell Folgendes hinzu: Es gibt keinerlei Datenübernahme aus den im klassischen ESt-Desktop-Programm angelegten EÜR-Daten (weder die kompletten Stammdaten noch Werte aus den Zahlenfeldern). Noch viel schlimmer: Es gibt nicht einmal eine Datenübernahme innerhalb der Cloud von einem Jahr in das Folgejahr (z. B. von EÜR Steuern 2024 zu 2025). Sogar die kostenlose ELSTER-Plattform der Finanzverwaltung kann das erheblich besser! Um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen, hier der direkte Praxisvergleich: Version A) EÜR ohne Cloud (Zeitaufwand: maximal 5 Minuten) Die EÜR bleibt im lokalen ESt-Programm. Ich trage die Werte hocheffizient in meine bewährte Excel-Tabelle ein, die Daten werden automatisch in die EÜR-Formularfelder übernommen. Ich sende die EÜR zusammen mit der ESt-Erklärung an das Finanzamt. Fertig. Der Mandant zahlt für diese Kleinst-EÜR die Mindestgebühr und ich verdiene als Berater trotzdem gutes Geld an dem Mandat, weil der Prozess maximal schlank ist. Version B) EÜR mit Cloud (Zeitaufwand: 45 Minuten inkl. massiver Fehlerquellen) Die Anlage EÜR fliegt ab VZ 2026 bekanntlich komplett aus dem lokalen ESt-Programm. Noch darf ich meine Excel-Tabelle zwar parallel ausfüllen (was aber technisch blockiert sein wird, sobald die DATEV auch die ESt in die Cloud zwingt!). Zusätzlich muss ich nun die Anwendung „EÜR Steuern“ in der Cloud aufrufen und dort alles manuell anlegen. Die Stammdaten werden nur extrem rudimentär übernommen, die Zahlenwerte überhaupt nicht. Also tippe ich entweder alles ab oder nutze Copy-Paste – mit fatalen Folgen: Der Strg+C / Strg+V Bug: Kopiere ich einen Wert aus Excel (z. B. „100,00“) und füge ihn per Strg+V in das DATEV-Cloud-Feld ein, macht die Software daraus „10000,00“. Warum? Weil die DATEV beim Einfügen automatisch zwei Nullen anfügt. Ich darf diese zwei zusätzlichen Zahlen also bei jedem einzelnen Feld wieder manuell löschen. Bei solchen stupiden, fehleranfälligen Klick-Arbeiten passieren naturgemäß leider häufig Fehler. Der Bezeichnungs-Zwang: Links neben jedem Zahlenwert muss zwingend manuell ein Text (Bezeichnung) eingegeben werden. Das Feld ist ein Pflichtfeld. Man ist also gezwungen, entweder wertvolle Zeit mit Tippen zu verschwenden oder einfach nur ein „x“ einzugeben, um die Software ruhigzustellen. Kein Lerneffekt im Folgejahr: Wer denkt, er könnte sich einmalig die Mühe machen, sinnvolle Bezeichnungen zu erfassen (um sie im Folgejahr zu nutzen), wird bitter enttäuscht. Bei der Jahresübernahme (z. B. von 2024 auf 2025) wird die EÜR – bis auf ein paar Stammdaten im Kopf – komplett geleert. Jedes Jahr beginnt das Tippen von vorn. Nullwerte werden blockiert: Es ist nicht möglich, eine Bezeichnung ohne Wert oder mit dem Wert „0“ stehenzulassen. Hatte ein Mandant im Vorjahr Portokosten, in diesem Jahr aber nicht, fliegt die Zeile komplett raus. Ich kann sie für das nächste Jahr nicht als Struktur stehenlassen. Keine Notizen möglich: Früher konnte ich mir in Excel im nicht druckbaren Bereich Notizen und Hinweise für das Folgejahr hinterlegen („Achtung, hier im nächsten Jahr auf XY achten“). In der Cloud? Fehlanzeige. Es können auch keine programm-internen (gelben) Notizen hinterlegt werden. Mein Fazit und Systemkritik Diese Cloud-Version der EÜR ist für die manuelle, effiziente Erfassung komplett unbrauchbar. Es ist ein massiver Rückschritt. Ein effektives Arbeiten ohne funktionierende Excel-Schnittstellen und Automatismen ist schlicht unmöglich. DATEV zwingt uns Praktiker hierdurch regelrecht dazu, Kleinst-EÜRs künftig direkt in ELSTER oder über Drittanbieter zu erfassen. Hier auf Kanzlei-Rechnungswesen zu verweisen, ist praxisfremd, denn der administrative Zeitaufwand ist dort für Kleinstfälle noch höher. Am Ende muss ich mich mit drei verschiedenen Anwendungen rumschlagen (ESt, EÜR Steuern und REWE) – das hat mit Workflow-Optimierung nichts mehr zu tun. Wenn die Genossenschaft schon an einer so banalen Anwendung wie einer einfachen EÜR in der Cloud so grandios scheitert, möchte ich mir nicht ausmalen, wie die Cloud-Zukunft für komplexe Werkzeuge aussieht. Viele Kollegen haben noch gar nicht begriffen, was hier an wirtschaftlichem Schaden auf uns zukommt. Wir vergraulen die Mandanten von morgen, die sich dann enttäuscht selbst helfen (mit Lexware, Buhl oder KI-Tools) und merken, dass sie für solche Standardprozesse gar keinen Steuerberater mehr brauchen. Die DATEV muss sich hier dringend grundlegend etwas anderes überlegen. Der gesamte Cloud-Umzug funktioniert so nicht! Meiner Meinung nach liegt das Problem an einer völlig falschen Prioritätensetzung im Management: Statt Millionenbudgets in kostenintensive Repräsentationsaufwände, Großveranstaltungen und aufwendige Infotage zu stecken – bei denen immense Reise- und Eventkosten für Marketing und Vertrieb verpulvert werden –, sollte hier radikal umgedacht werden. Wir brauchen in dieser kritischen Phase der Transformation keine Heerscharen von Vertriebs- und Marketingmitarbeitern, die uns dysfunktionale Cloud-Produkte schönreden. Wir brauchen eine kompromisslose Fokussierung der Ressourcen auf die Softwareentwicklung! Das Geld gehört eins zu eins in fähige Entwickler investiert, in den Zukauf ausgereifter Software von Drittanbietern und in echte, praxistaugliche KI-Lösungen, die uns Arbeit abnehmen, anstatt uns neue Steine in den Weg zu legen. Ansonsten wird das Projekt Cloud-Transformation krachend scheitern.
... Mehr anzeigen